Der Podcast-Markt im Fokus

24. Juni 2020 |

3 Fragen an The Podcast Posse zu „Wiener Blut“

Der True Crime-Podcast „Wiener Blut“ ging im Jänner 2020 an den Start. Dahinter stecken die Jugendfreundinnen Rita Buchacher & Claudia Madlener samt Claudias Mann Bernhard Madlener, alias The Podcast Posse: Nach eigener Definition ein „Freestyle Podcast-Projekt“, das bewusst die Kollaboration mit anderen Podcaster*innen, Kreativen, Künstler*innen und Unternehmen sucht.

Was gefällt euch am True Crime-Genre und wie wählt ihr die präsentierten Storys für „Wiener Blut“ aus?

Rita: Mich faszinieren die Abgründe der Psyche: was Menschen einander antun und warum. Es ist das Interesse daran, die Entwicklung des „Bösen“ nachzuvollziehen. Aber auch die Erkenntnis, dass jeder und jede – in Abhängigkeit der Lebensumstände – zum Opfer oder auch zum Täter werden kann. Dass ich einen Fall interessant finde und mir die Recherche Spaß macht, hilft bei der Endauswahl. Allerdings darf das Verbrechen auch noch nicht 5.000 Mal in anderen Formaten behandelt worden sein – das ist mein Anspruch.

Claudia: Ich finde es wahnsinnig interessant zu recherchieren, wie viele grausame Verbrechen wirklich passieren bzw. in der Geschichte unseres Landes passiert sind. Aber auch die Entwicklung der Gerichtsbarkeit über die Jahrhunderte finde ich extrem spannend, und natürlich die Frage: Was geschieht mit Täterinnen und Tätern, die für schuldig befunden und verurteilt worden sind? Wie funktioniert der österreichische Strafvollzug und was macht er aus den Menschen? Auch nicht unwichtig, wenn man sich mit Mord und Totschlag beschäftigt: Wie kann man sich davor schützen, selbst zum Opfer zu werden? Und funktioniert das überhaupt? Die Geschichten, die ich erzähle, können in verschiedener Hinsicht interessant sein: z.B. aufgrund der sozialen Umstände, in denen die Protagonist*innen lebten, oder auch zeithistorisch. Sie müssen irgendwas Besonderes haben, wobei das nicht zwingend nur die Tat selbst sein muss. Zu viel Gewalt sollte nicht im Spiel sein – im Sinne eines detailliert beschriebenen Blutbades –, das zieht einen emotional zu sehr runter.

Bernhard: Mir gefällt vor allem, wenn es literarische bzw. künstlerische Bezüge und Verarbeitungen zu einem Fall gibt. Das kann die literarische Adaption durch – überlebende – Opfer oder deren Angehörige sein, aber auch die autobiographische Erzählung von Täter*innen. Und natürlich die Bearbeitung eines Verbrechens als Stoff für einen Roman oder ein Bühnenstück. Darum fand ich z.B. unser dreiteiliges Special über Jack Unterweger ganz toll, oder den Fall der „Eislady“ Estibaliz Carranza. Für die Geschichte von „Pumpgun Ronnie“ habe ich neben Zeitungsberichten aus den 1980er-Jahren auch Auszüge aus dem Roman „Der Räuber“ von Martin Prinz verarbeitet. Und zuletzt fand ich in Elfriede Jelineks „Die Ausgesperrten“ einen Fall, dessen wahre Hintergründe ich recherchiert und in unserer Episode 28 präsentiert habe.

Warum braucht die Welt noch ein True Crime-Format?

Rita: Leider muss man sagen: Es gibt genug Verbrechen für alle. Der Stoff wird uns nicht ausgehen, auch wenn noch ein paar Leute mehr beschließen, einen True Crime-Podcast zu starten. Von den Kolleg*innen unterscheiden wir uns durch einige formale und inhaltliche Aspekte wie z.B. unsere „Fancy Drinks“, das Würfeln zur Entscheidung, wer einen Fall präsentiert, und die Hollywood-Skala. Und dadurch, dass wir zu dritt sind, bekommt das Ganze eine besondere Dynamik.

Claudia: Jeder soll einen Podcast machen können, wenn er oder sie Lust darauf hat. Das ist ja ein wichtiger Aspekt beim Podcasten: Man muss sich nicht wie beim Radio drum kümmern, ob es schon eine ähnliche Sendung gibt, sodass das eigene Konzept Gefahr läuft „von oben“ abgeschossen zu werden. Auch wenn es der 500-ste Podcast im gleichen Genre ist: legt los und habt Spaß.

Bernhard: Als wir mit „Wiener Blut“ begonnen haben, haben wir klarer Weise auch schon andere True Crime-Formate gehört – allerdings v.a. aus dem amerikanischen Raum. Einige unserer Podcast-Kolleg*innen im deutschsprachigen Raum haben wir natürlich gekannt, aber in Österreich gab es zu unserem Start Ende 2019 eigentlich nur ein True Crime-Format, von dem wir uns jedoch stark unterscheiden. Seither sind einige neu auf den Markt gekommen – aber unser Konzept bleibt einzigartig: Wir konzentrieren uns nämlich grundsätzlich weiterhin nur auf österreichische Fälle und überlassen die Jack The Rippers, John Wayne Gacys und Ted Bundys da draußen anderen Podcasts. Wie Rita schon gesagt hat: Es ist traurig, aber Österreich hat genügend scheußliche Storys zu bieten. Nicht auszuschließen ist jedoch, dass wir unsere formellen Kriterien zumindest mal für ein Special hinter uns lassen und dann z.B. Fälle aus dem Ausland behandeln. Um danach aber wieder zu unserem Kernthema zurück zu kehren.

(True Crime-) Podcasts werden oft von Einzelkämpfer*innen oder im Duett produziert. Wie ist das mit der „besonderen Dynamik“, die euch drei auszeichnet?

Rita: Mal abgesehen von den Vorteilen für die Arbeitsaufteilung: Mehr unterschiedliche Charaktere bringen mehr unterschiedliche Storys. Damit haben die Zuhörer*innen auch mehr Abwechslung. Und das ist ja grundsätzlich super.

Claudia: Es ist leichter, weil jede/r von uns in verschiedenen Bereichen seine Stärken hat – und in Summe bedeuten mehr Personen wohl mehr Stärken. Die Abstimmung der Aufnahmetermine für „Wiener Blut“ und das Vorbeugen inhaltlicher Doppelungen sind aber sicher eine größere Herausforderung: Wir wissen ja nie, was die anderen jeweils für Fälle vorbereiten. Bei der Aufnahme selbst, das mussten wir zu Beginn erst lernen, braucht es umso mehr Disziplin, um sich nicht dauernd gegenseitig ins Wort zu fallen und die geplante Struktur des Podcasts beizubehalten.

Bernhard: Erstens einmal ergänzen wir drei uns hervorragend, weil jede/r bei der Recherche andere Schwerpunkte setzt. Und zumindest für mich kann ich sagen: Ich bin ganz froh, dass ich einige Aufgaben an die Kolleg*innen abgeben kann, die mich nicht ganz so sehr interessieren – und für die Claudia und Rita einfach mehr Talent besitzen. Das hat jetzt aber weniger mit der direkten Produktion des Podcasts zu tun: Da sind wir alle mit 100-prozentigem Einsatz dabei.