Der Podcast-Markt im Fokus

17. November 2020 |

Florian Freistetter: „Podcasts sind ein einzigartiges Wissenschafts-Medium“

Im Podcastwelt-Interview spricht der Astronom und „Science Buster“ Florian Freistetter über wissenschaftliche Kommunikation – und warum Podcasts sich so gut für die Vermittlung von Wissen eignen.

Florian Freistetter, Astronom und Podcaster / Foto: Franzi Schädel, CC-BY-SA 4.0
Florian Freistetter gehört zu den bekanntesten Wissenschafts-kommunikator*innen Österreichs. Mit seinen „Sternengeschichten“ war er 2012 ein Podcast-Pionier. (Foto: Franzi Schädel, CC-BY-SA 4.0)

Wie sind Sie zur Astronomie gekommen? Ist das so eine „Kindheitstraum“-Story mit Vorbildern wie Captain Kirk?

Nein, ich bin eher ein untypischer Astronom. Natürlich hab ich auch das „Raumschiff Enterprise“ geschaut, aber ich war kein Mega-Fan. Ich hatte auch kein Teleskop, durch das ich stundenlang geschaut hätte. Tatsächlich kam mein Interesse für die Naturwissenschaften erst so mit 15, 16 Jahren, und zwar v.a. durch zwei Bücher. Eines von Isaac Asimov über den Stand der Naturwissenschaften – Chemie, Physik, Technik im Allgemeinen: Ich fand es extrem faszinierend, weil es so vieles gibt, was man als Mensch wissen kann. Andererseits war ich sehr beeindruckt von Stephen Hawkings „Eine kurze Geschichte der Zeit“. Auch wenn ich es wie viele andere kaum verstanden habe, faszinierte mich die Möglichkeit, dass der Mensch etwas Sinnvolles darüber rausfinden kann, wie das Universum entstanden ist.

Sie wollten also ein neuer Stephen Hawking werden?

Genau. Nur bin ich dann fälschlich davon ausgegangen, dass man Astronomie studieren muss, wenn man Hawkings Arbeit machen will. Tatsächlich wären die Theoretische Physik sowie Mathematik der richtige Weg gewesen. Als ich das gemerkt habe, war es mir immerhin möglich, mich auf die mathematische Astronomie zu konzentrieren. Durch ein Teleskop hab ich erstmals am Tag nach meiner Diplomprüfung geschaut – das ist aber nichts, worauf man als Astronom stolz ist.

Ganz üblich ging es dann, nach dem Doktorat und der wissenschaftlichen Lehre in Jena und Heidelberg, aber auch nicht weiter…

In Jena durfte ich u.a. die Einführungsvorlesungen gestalten. Die Studierenden wollten natürlich „alles“ wissen und ich musste immer rasch Antworten geben. Damals habe ich auch begonnen mich in der Öffentlichkeitsarbeit zu engagieren. Ich habe zum Beispiel Vorträge beim „Tag der offenen Tür“ gehalten und Führungen an der Sternwarte gemacht. Über Wissenschaft und Forschung auch mit der breiten Öffentlichkeit zu sprechen, fand ich nämlich immer schon wichtig. Nur zählt an den Hochschulen hauptsächlich die Publikationsliste. Alles, was keine Fachpublikation erzeugt, hindert die Entwicklung der eigenen Karriere im besten Fall nicht. Aber wer viel publiziert, hat jedenfalls die besseren Karten als jemand, der sich für die Öffentlichkeitsarbeit engagiert.

Neben den Büchern, die Sie schreiben, haben Sie zwei Kanäle zur Wissensvermittlung, die nicht ganz gewöhnlich sind: Podcasts und die Kabarett-Bühne. Wie hat sich das entwickelt?

Relativ früh hat es mich interessiert, wie man ein Blog betreibt, weil ich das als hilfreich für die Vermittlung von Wissenschaft betrachtet habe. Und dieser Blog war die Grundlage für das, was ich heute mache. Ich habe darüber viele Leute kennengelernt und bekam die Möglichkeit, für Zeitungen zu schreiben und Bücher zu publizieren. Der Podcast kam etwas später dazu. Auch Bühnenauftritte hatte ich schon, bevor ich zu den „Science Busters“ gekommen bin, allerdings klassische Vorträge und nicht im Theater. Nachdem die Wissenschaftskommunikations-Szene in Österreich jetzt auch nicht riesig ist, kannte ich schon einige Leute aus dem „Busters“-Umfeld. Der Mitgründer Heinz Oberhummer wollte, dass auch andere wissenschaftliche Disziplinen eine Rolle spielen, nicht nur die klassische Physik, und hat sich nach passenden Leuten umgeschaut. Ich bin dann 2015 mal testhalber aufgetreten und das hat gut funktioniert.

Dass Sie nun auf der Bühne über die Grundprinzipien des Universums scherzen, kommt in der Wissenschafts-Community nicht überall gut an, oder?

Bei den „Science Busters“ steht die Unterhaltung klar im Vordergrund: Die Besucherinnen und Besucher sollen einen guten Abend haben. Dafür machen wir uns natürlich Gedanken über Dramaturgie und Präsentation: Wie vermittelt man wirklich das, was man vermitteln will – und vor allem ohne zu monologisieren. Bei unseren Gesprächen und Experimenten auf der Bühne haben die Menschen etwas zum Lachen, und gleichzeitig lernen sie etwas über die Welt und das Universum. Die meisten Menschen wissen ja noch gar nicht, dass sie sich für Wissenschaft interessieren – und das holen wir aus ihnen raus.

Jetzt weiß ich schon, dass das manche Kollegen und Kolleginnen nicht so toll finden. Dazu will ich feststellen: Ich mache vielleicht auf der Bühne den Kasperl – aber die Leute wissen danach etwas mehr. Und wenn einer einen komplizierten Vortrag hält, versteht ihn oft kaum einer. Warum das besser sein soll, kann ich nicht nachvollziehen.

Beim Start der „Sternengeschichten“ 2012 gehörten Sie zu den Podcast-Pionieren. Was ist das Besondere am Medium Podcast?

Ich war eigentlich immer ein „Text-Mensch“: Ich lese gerne, ich schreibe gerne – darum auch der Blog, die Zeitungen, die Bücher. Es ist ein guter Weg, um Menschen zu erreichen. Aber es gibt halt auch Menschen, die lieber 20 Videos über ein Thema anschauen, oder die sich lieber Hörbücher und wissenschaftliche Radiosendungen reinziehen. Ich habe mich damals, vor zehn Jahren, mit Podcasts beschäftigt, weil ich die selbst gerne gehört habe: Die habe ich aus dem Netz auf den Computer und von dort als mp3-Dateien auf meinen Player geladen. Mittlerweile sind die Zugangshürden mit Spotify & Co. sowie durch die Smartphones extrem niedrig geworden. Ich habe früh festgestellt, dass sich Podcasts gut dafür eignen, um Geschichten zu erzählen, und schätze es, damit so nahe an die Menschen heran zu kommen.

Wer meinen Blog liest, macht das vielleicht am Computer oder am Smartphone – zumindest muss man aktiv lesen. Podcasts sind ein tolles „Nebenbei-Medium“, man hört sie beim Sport, bei der Haushaltsarbeit usw. Und sie ermöglichen auch eine sehr intime Situation: Da redet jemand direkt in mein Ohr hinein, zu dem ich sogar eine Art Beziehung aufbauen kann.

Gemeinsam mit Ruth Grützbauch, die ebenfalls Astronomin ist, hat Florian Freistetter im Sommer 2020 nach den „Sternengeschichten“ einen zweiten Podcast gestartet.

Wie definieren Sie diese Beziehung?

Im Idealfall unterhalten sich da zwei Leute, und denen hört man gerne zu – durchaus länger. Darum sind auch meine Podcast-Folgen eher kurz, weil ich ja einen Monolog führe. Wenn die Podcast-Hosts jetzt auch noch als Menschen auftreten, und nicht primär als Wissenschaftler – auch wenn sie Wissenschaft vermitteln –, dann kann man tiefe Sympathien zu ihnen aufbauen. Es ist wie im Wirtshaus, wo man einem spannenden Gespräch einfach zuhört und damit zufrieden ist. Man hat das Gefühl, dass man die Leute kennt. Und wenn man die nett findet, hört man irgendwann auch bei Themen zu, für die man sich sonst nicht besonders interessieren würde. Einfach nur weil man wissen will, was die für eine Meinung dazu haben.

So ein Podcast ist außerdem ein Medium, in dem man wirklich lange reden kann. Das kommt ja im Radio kaum mehr vor. Man kann in langen Gesprächen viel Wissen vermitteln und damit Leute erreichen, die z.B. von einem 1.000-Seiten-Buch abgeschreckt wären. All das macht Podcasts zu einem einzigartigen Medium für die Wissenschaftskommunikation.

Man merkt Ihnen die Begeisterung sehr an. Und nun haben Sie im Sommer, zusammen mit der Astronomin Ruth Grützbauch, sogar einen zweiten Podcast gestartet: „Das Universum“. Warum das zusätzliche Format?

Die „Sternengeschichten“ waren von Anfang an so geplant, dass sie nicht länger als zehn bis 15 Minuten dauern. Mich hat aber schon immer auch das Genre „Laber-Podcast“ interessiert, und ich wollte lernen, wie man einen Podcast übers Netz aufnimmt. Die „Sternengeschichten“ sind außerdem zeitlos – die kann man in Jahren noch hören. 

Aktuelle wissenschaftliche Entwicklungen habe ich daneben immer in meinem Blog behandelt, und das mache ich nun auch mit Ruth Grützbauch in „Das Universum“: Wir führen dazu Gespräche, wir beantworten Fragen unserer Hörerinnen und Hörer, wir nehmen uns deutlich mehr Zeit – und wir merken, dass ein wahnsinnig hoher Bedarf da ist. Für jede Frage, die wir beantworten, trudeln nach einer Podcast-Folge zehn bis 20 neue ein.

Florian Freistetter wurde 1977 in Krems geboren und lebt heute in Baden bei Wien. Er studierte Astronomie an der Universität Wien, lehrte u.a. in Jena und publizierte mehrere Bücher. Freistetters erster Podcast „Sternengeschichten“ ging 2012 an den Start, und verfügt mittlerweile über mehr als 400 Episoden. Seit 2015 ist er Mitglied des Wissenschafts-Kabarettensembles „Science Busters“.

Bernhard Madlener