Der Podcast-Markt im Fokus

18. August 2020 |

Hate Speech und Cyber Bullying – Der blinde Fleck im Podcast Biz

Mobbing und Hetze machen auch vor Podcasts nicht halt. Promis wie Oliver Pocher oder Evelyn Weigert beleidigen öffentlich andere Menschen, Spotify hat offenbar ein Problem, sich von rechts außen abzugrenzen.

Ausschlaggebend für diesen Artikel war das Foto einer weinenden Frau, über das ich vor einigen Wochen auf Instagram gestolpert bin. Neugierig klickte ich auf den Beitrag, um kurz darauf zu lesen, dass Fatshaming-Kommentare im Podcast eines beliebten Comedy-Duos eine Fülle an Negativemotionen bei Melodie Michelberger ausgelöst hatten.

Hate Speech in Podcasts

Dieser Schmerz lässt sich in den über 1400 Kommentaren unterhalb des Fotos zum Teil merklich wiederfinden, und war damit Anlass genug, eine ausgedehnte Recherche zum Thema Hate Speech und Cyber Bullying (Mobbing) innerhalb von Podcasts zu betreiben. Bevor im Folgenden Ergebnisse dargelegt werden, muss ich eines vorweg betonen: während es eine überragende Fülle von Podcastthemen gibt, die über Hassrede, Sexismen, Rassismen etc. berichten, ist es kaum möglich, gezielt Podcasts ausfindig zu machen, die derartiges Gedankengut propagieren. Zum Glück.

Dennoch muss die uneingeschränkte Redefreiheit in diesem Medium kritisch betrachtet werden, denn feststeht: beleidigende, missbilligende oder hetzerische Aussagen werden in vielen Podcasts getätigt – es ist nur deutlich schwieriger, diese auch zeitnah nach Veröffentlichung des Beitrages herauszufiltern und zu sanktionieren. Ein Facebook-Post liest sich innerhalb weniger Sekunden oder Minuten, wohingegen eine Podcast-Episode gut und gerne eine Stunde dauert. Und durch das Wegfallen einer sog. Gate-Keeping-Funktion sind diese Botschaften für Erwachsene und Jugendliche quasi barrierefrei zugänglich.

Wo Meinungsfreiheit aufhört und Hate Speech beginnt

Sowohl in Artikel 13 der 1867 in der Verfassung Österreichs verankerten Grundrechte als auch in Artikel 10 der Europäischen Menschenrechtskonvention steht geschrieben: „Jedermann hat das Recht, durch Wort, Schrift, Druck oder durch bildliche Darstellung seine Meinung innerhalb der gesetzlichen Schranken frei zu äußern.“ Natürlich bedeutet dies aber nicht, dass alles gesagt werden darf – schon gar nicht öffentlich. Meinungs- und Redefreiheit endet dort, wo die Grundrechte einer anderen Person eingeschränkt werden, sowie wenn die Sicherheit oder ein friedliches Zusammenleben innerhalb der Gesellschaft gefährdet sind.

Darunter fällt hierzulande ein Verbot von Hetze gegen andere Menschen und die öffentliche Beleidigung aufgrund der Ethnizität, Sprache, Religion oder einer etwaigen Beeinträchtigung einer Person. Auch die Herabwürdigung oder das Verspotten anderer aufgrund ihres Geschlechts, Alters oder der sexuellen Orientierung ist verboten. Das Verherrlichen des Nationalsozialismus sowie jegliche Art der Wiederbetätigung stehen ebenfalls unter Strafe (anders in den USA und Großbritannien).

Medienmacher sind anders reguliert

Für Medien gibt es eigene Gesetze, die deren Rechte und Pflichten regeln. Diese Art der Äußerungsfreiheit bzw. -einschränkung betrifft allerdings auch ihren Wirkungsbereich und die sozialen Netzwerke online. Verstöße auf Social Media konnten bis dato zwar gemeldet werden, die dazugehörige Rechtsgrundlage ist allerdings in Österreich immer noch ziemlich schwammig gestaltet. Dies soll sich in Kürze ändern, wenn die Bundesregierung einen Gesetzesentwurf gegen „Hass im Netz“ vorstellen wird. Durch die Zunahme von Hasspostings innerhalb der letzten Jahre – darunter der prominente Fall von Grünen-Parlementarierin Sigi Maurer – wurde der Ruf nach einer Novellierung/Erweiterung des Strafgesetzes immer lauter. In Deutschland existiert bereits seit 2017 das sog. Netzwerkdurchsetzungsgesetz (ugs. ‚Facebook-Gesetz’), welches den Tatbestand der Hate Speech behandelt. Im Fokus stehen dabei (teils hohe) Geldstrafen für Online-Plattformen, die Hasspostings nicht rasch genug löschen.

Werden im Internet absichtlich Worte, Bilder oder Videos eingesetzt, um andere Menschen anzugreifen oder zu diffamieren, spricht man von „Hasspostings“ oder „Hate Speech“. Dabei können verschiedene Straftatbestände erfüllt sein, z. B.: Verhetzung, Verstoß gegen das Verbotsgesetz (nationalsozialistische Wiederbetätigung), Cyber-Mobbing, Üble Nachrede, Beleidigung sowie Gefährliche Drohung. Auf Plattformen wie saferinternet.at wird u.a. über Netzwerke und Initiativen gegen Hass im Netz informiert; bei der österreichischen Beratungsstelle ‚ZARA’ (Zivilcourage und Anti-Rassismus-Arbeit) sind alleine im Juni über 342 Meldungen #GegenHassimNetz eingelangt – mehr als je zuvor.

Comedy und Satire als Deckmantel unangebrachter Wortmeldungen

Bei konkreten Beispielen aus dem Podcast-Business fällt auf, dass häufig im Genre ‚Comedy’ Sprüche auf Kosten anderer gemacht werden, die deutlich unter die Gürtellinie gehen. Satire lebt von Überspitzung, Verzerrung und Provokation – werden einzelne Menschen aber bloßgestellt, in Schubladen gesteckt oder öffentlich angegriffen, hört der Spaß auf. Einer, der besonders innerhalb der vergangenen Monate zur Hochform aufgelaufen ist, ist Oliver Pocher. Während der Covid-19-Quarantäne begann der Comedian in Instagram-Storys über deutsche Influencer*innen herzuziehen. Auch, wenn es für Kritik an jenen einen berechtigten Grund gibt, den Pocher und Gattin Amira u.a. in der werbewirksamen Vermarktung der eigenen Kinder sehen oder im angeblichen Follower-Kauf und Belügen von Fans, so rechtfertigt dies nicht die Art und Weise des öffentlichen Anprangerns. 

Oliver Pochers Influencer*innen-Bashing

Die Influencerinnen Anne Wünsche und Sarah Harrison erhielten in Folge dessen anonyme Beleidigungen, Mord- und Vergewaltigungsdrohungen en masse. Damit dürfte selbst der Medienprofi Pocher nicht gerechnet haben und distanziert sich von jeglicher Gewaltandrohung. Unterdessen muss dennoch betont werden, dass der Comedian den Ball ins Rollen gebracht hat. Eine Userin richtet daher harte Worte an ihn und unterstreicht seine Doppelmoral – ein Auszug aus dem Konterposting liest sich wiefolgt: „Du hast ein Video gedreht, in dem Du die Freundin einer Influencerin als Exdomina outest. Du zeigst Videos von ihr, Du liest aus ihrem Werbeprofil vor, was sie so für Sexpraktiken anbietet – und demütigst sie damit mal so richtig. Von der Influencerin Anne Wünsche zeigst Du Ausschnitte aus einem bisher nicht bekannten Porno. Du sagst, es geht Dir darum, dass diese beiden Frauen ihre Kinder auf Instagram verwursten. Finde ich auch nicht ok. Aber die Kinder der Exprostituierten, die vorher nichts davon wussten, werden gerade echt viel Mobbing durchmachen. (…)“

Warum diese ausführliche Darstellung des Pocher’schen Fehlverhaltens hier dargelegt wird? Weil Oliver und Amira Pocher seit wenigen Monaten einen eigenen Podcast haben. Die ungebrochene Aufmerksamkeit, die aus der Insta-Offensive resultierte, hat dem Comedian neue Fernsehformate, hunderttausende neuer Follower – und eben den wöchentlichen Podcast ‚Die Pochers hier!’ gebracht. Bereits über 20 Folgen sind bisher erschienen, teilweise live in Autokinos aufgenommen. Wie immer bei Oliver Pocher, eine ganz große Show. Seine sympathische Frau Amira sieht sich dabei selbst „die Scherben zusammenkehren“, die ihr Gatte verursacht. Bis dato kamen die Episoden milder daher als der Instagram-Feldzug, wenngleich einige Aussagen grenzwertig sind. Der weibliche Part in diesem Podcast-Duo entschärft brenzlige Situationen gekonnt, sodass Pocher nach seiner letzten Klage (inkl. Verurteilung!) im Frühjahr erst mal keine neuen ins Haus flattern.

Entschuldigungen haben Hochkonjunktur

Ein Blick nach Übersee zeigt, dass dieses Phänomen keine Landesgrenzen kennt. Als die amerikanische Hit-Comedy-Show ‚Saturday Night Live’ drei neue Cast Members für die 45. Staffel ankündigte, sind noch am gleichen Tag auf Twitter Mitschnitte aufgetaucht, die einen Neuzugang, Shane Gillis, in Bedrängnis bringen. Einige Jahre zuvor hatten er und sein Co-Host im gemeinsamen ‚Matt and Shane’s Secret Podcast’ eine Reihe homophober und rassistischer Kommentare getätigt. Eine Entschuldigung enthielt, wie so oft, den Versuch einer Rechtfertigung mittels Hinweis auf überzeichneten Humor: “I’m happy to apologize to anyone who’s actually offended by anything I’ve said. My intention is never to hurt anyone but I am trying to be the best comedian I can be and sometimes that requires risks.”

Halimah Yacob, die Präsidentin des Stadtstaates Singapur, hat Mitte Juni die drei Macher des Podcasts ‚OKLETSGO’ dazu aufgefordert, sich bei allen Frauen für ihre erniedrigenden und frauenfeindlichen Sprüche zu entschuldigen. Es wäre nicht richtig, Frauen wie „punching bags“ zu behandeln. Kritik an den Inhalten des Podcasts, der die lokalen Spotify Charts regiert, kam von vielen Seiten. In einem öffentlichen Statement der Podcaster wird das eigene Verhalten gerechtfertigt und abermals mit „schwarzem Humor“ begründet. Beweisbilder aus internen Chatverläufen mit Fans belegen, dass die Drei sich selber als „unapologetic“ bezeichnen und die besänftigenden Worte lediglich von einem Publizisten stammten. Ob die Hörer*innenzahlen daraufhin einbrechen, bleibt abzuwarten.

Ein Journalist des deutschen Radiosenders egoFM widmet sich in einem aktuellen Blogbeitrag dem Thema Cyber Bullying und schreibt: „Schwieriger wird’s natürlich, wenn das Verhalten von Menschen reflektiert werden muss, die man wirklich witzig findet.
Seit einiger Zeit folge ich Evelyn Weigert auf Instagram und was soll ich sagen? Die Frau ist einfach unfassbar witzig. Deswegen war ich einigermaßen überfordert, als meine neue Liebings-Instagrammerin den Zorn der Body-Positivity-Bewegung auf sich gezogen hat.“ Er adressiert damit das eingangs geschilderte Beispiel, welches mich überhaupt erst zum Schreiben dieses Beitrages veranlasst hat.   

Die möglichen Auswirkungen von Cyber Bullying auf Betroffene

Das überaus beliebte Podcast-Duo Evelyn Weigert und Basti Heinlein machte sich vor einigen Wochen in einer Episode von ‚HEINLEIN & WEIGERT – sagt JA zum Leben!’ (wie ironisch) über „fette Teenager vom Dorf“ lustig. Evelyn Weigert schoss im Namen der Komik (was sonst) verbal extrem übers Ziel hinaus, während Basti Heinlein im Hintergrund lachte. Ihm schien es zeitweise unangenehm zu sein, dass die Kollegin in ihrer derben Wortwahl gerade Millionen Minderjähriger (!) herabwürdigte. Die extremen Formulierungen, gepaart mit hämischem Gelächter, sind leider nicht schön zu reden. Bodyshaming ist nicht akzeptabel – auch nicht getarnt als Witz. Es verletzt weltweit Millionen von Menschen zutiefst, die meist schon in der Kindheit schlimmen Mobbing ausgesetzt sind, treibt unzählige Betroffene in Essstörungen, Depressionen oder (Selbst-)Isolation, und hat dazu geführt, dass sich sogar Personen, die den vermeintlichen gesellschaftlichen und medialen Schönheitsstandards entsprechen, häufig in ihren Körpern unwohl fühlen.

Schlagabtausch im Netz

Melodie Michelberger, ihres Zeichens Body Image-Aktivistin mit einer Instagram-Community von über 46.000 Personen, hat also ein emotionales Statement mit ihren Follower*innen geteilt, in dem sie die Gefühle schildert, welche die besagte Podcast-Folge in ihr getriggert hat. Über die Sequenzen, in denen Evelyn Weigert Dinge sagt, wie „fette Menschen aufm Dorf (…) so richtig mit Männerbusen; fette Dorfteenager sind entweder krasse Anführer oder komplette Loser (…)“ etc., äußert sich die Aktivistin folgendermaßen: „Selten war ich so wütend und sprachlos zugleich. Und obwohl die Worte gar nicht direkt an mich gerichtet waren, (…) fühlte ich mich in die Zeit zurückversetzt, als Bodyshaming meinen Alltag als dickes Mädchen in einem süddeutschen Dorf täglich begleitet hat. Seit meiner frühesten Kindheit werde ich aufgrund meiner runden Figur gehänselt, beleidigt und verspottet. Niemals werde ich die Ausdrücke vergessen, die mir früher hinterhergerufen wurden, sie haben sich fest in mein Gedächtnis eingeprägt. Und so reagiert mein Körper bei solchen Bemerkungen heute noch mit der gleichen Alarmreaktion, wie vor 30 (!) Jahren auf dem Schulhof. Ich beginne zu zittern, mein Hals schnürt sich zu und ich kann mich nicht mehr bewegen. (…) Und genau deshalb reagiere ich ziemlich empfindlich, wenn mir heute jemand sagt: »War doch nur Spaß« oder »musst ja nicht zuhören.« Es gibt keine Momente, in denen es erlaubt ist, Bodyshaming zu betreiben. Body/Fatshaming ist Mobbing und es ist fucking egal, ob ihr es ironisch meint oder nicht. Es ist und bleibt seelische Gewalt. Wann hört es endlich auf? Wann kann endlich jeder Mensch glücklich werden, ohne für sein Gewicht oder Körperform gemobbt oder/und beleidigt zu werden?“

Wundertüte Podcast

Wie der egoFM-Redakteur in Bezug auf Melodies verheultes Gesicht richtig schlussfolgert, „bleibt einem bei diesem Anblick das Lachen im Hals stecken“. Er fügt noch hinzu, dass er zwar gerne über Weigert lache, doch „ein Witz, der andere bloß stellt, kein guter Witz“ sei. Inzwischen wurde jener Ausschnitt aus dem Podcast geschnitten, wohl auch, weil damit einiges an Backlash erzeugt wurde. Auch unter Apple Podcast Reviews von ‚Heinlein & Weigert’ äußert eine Userin, dem Podcast nun nicht mehr zu folgen, weil zwei Erwachsene sich so „krass“ über mehrgewichtige Minderjährige äußern. Dennoch gab es eine Vielzahl an Fans, die – übrigens wie Evelyn Weigert selbst – uneinsichtig reagierten und jenen, „die keinen Spaß verstehen“ anrieten, „einfach nicht hinzuhören“. Aber abgesehen von dieser unsensiblen Empfehlung, bleibt ohnehin die Frage im Raum, wie man ohne Triggerwarnung eines expliziten Inhalts im Vorfeld wissen soll, worüber in den nächsten Minuten gesprochen wird? In dieser Hinsicht gestalten sich Podcasts oft wie Wundertüten – man weiß vorab nie genau, was man bekommt, wohin die Sprecher*innen demnächst abbiegen werden.

Auf Melodie Michelbergers äußerst nette, respektvolle Nachricht an Evelyn Weigert, sich gerne mit ihr in Verbindung zu setzen, um über dieses sensible Thema zu sprechen, kam eine sehr dreiste, unreflektierte Antwort zurück. Mehrgewichtige Menschen sollten doch „einfach auch mal einen Witz auf ihre Kosten ertragen können“. Sympathiepunkte sammelt die bekannte TV-Moderatorin damit wahrlich nicht. Und was davon übrig bleibt, sind gekränkte Zuhörer*innen/Leser*innen, denen wieder einmal Salz in die Wunden gestreut wurde, weil sie mit ihrer Körperfülle vermeintlich keinen Platz in dieser Gesellschaft haben – zumindest jedoch weniger respektiert werden, als ihre ‚normalgewichtigen’ Mitbürger*innen. Wo Selbstsicherheit sein sollte, herrschen nun erneut Traurigkeit, Wut und Verletzlichkeit vor. Und das ausgelöst von einem Podcast, der sich selbst folgendermaßen anpreist:  „Herzlich Willkommen zum wohl lebensbejahendsten Podcast Deutschlands. Tretet ein, in eine Welt voller Fantasie und positiven Vibes. Ihr habt Probleme im Leben, findet euch selbst auch echt Kacke und habt eigentlich schon längst aufgegeben? Dann sagen wir: „Halt Stopp, Jetzt reden wir“. „Am Ende des Tunnels ist immer Licht“ ist bei uns nicht nur eine dumme Phrase, sondern ein Lebensmotto. Taucht mit uns ein, in ein freundliches Universum ohne Sorgen und Tabus.“ Oh, diese Ironie. 

Dass es auch anders geht, zeigen Podcasts wie „Realitäter*innen“ , die sich diesem und weiteren gesellschaftsrelevanten Themen mit Empathie und Feingefühl sowie spannenden Gästen* widmen.

Rechte Netzwerke auf Online-Streaming-Portalen – Spotify in der Bredouille

Zu guter Letzt möchte ich noch ein Genre ansprechen, das – wie anfänglich aufgelistet – in den Bereich Hate Speech fällt: Rechte Hetze auf Online-Plattformen. Neonazis schaffen es mittels Internet, mit ihren Ideologien eine deutlich höhere Reichweite zu erzielen, als über klassische Wege (Aufmärsche, Szene-Zeitungen etc.). User*innen von Spotify beklagten jüngst, dass auf dem Portal rechtsradikale Inhalte zu finden seien (–> #keinspotifyfürnazis). So gibt es etwa über hundert Nutzer*innen-Profile, die unter dem Namen Adolf Hitler angelegt sind, in Playlists ist Rechtsrock zu finden und vor Kurzem sorgte der deutsche Podcast ‚Lagebesprechung’ für Aufsehen, weil dort die Corona-Krise gekonnt für Verschwörungstheorien und rechte Ideologien missbraucht würde. Vom Verein ‚Ein Prozent’ werden seit Ende März regelmäßig rechtsextreme Gäste*, AfD- und FPÖ-Mitglieder sowie Identitäre und Burschenschafter eingeladen, ihre Sichtweisen zu äußern – frei zugänglich für Zuhörer*innen jeden Alters. Das Facebook- sowie Instagram-Profil der Gruppe wurde bereits gesperrt, Spotify habe den Podcast aufgrund zahlreicher Beschwerden überprüft, inhaltlich jedoch keine Verstöße gegen die internen Richtlinien festgestellt. 

In einer Petition des Berliner Bündnis gegen Rechts haben mehr als 130.000 Menschen die Löschung von ‚Lagebesprechung’ gefordert. Denn Spotify müsse auch auf die Organisation hinter dem Podcast achten sowie auf deren Intention. Spotify betont in einer Aussendung als Reaktion auf die Kritik, dass der Podcast auch auf anderen Plattformen abrufbar sei, darunter YouTube. Außerdem habe das Portal in der Vergangenheit mehrfach auf Verstöße gegen die Content Policy reagiert und Inhalte entfernt, z.B. den rechten Podcast ‚Honigwabe’, Produkte der rechten US-Medienfigur Alex Jones und kürzlich erst den Podcast ‚Rechtsausleger’. Auch die rechtsextremen Lieder des dt. Rappers Chris Ares haben einer Überprüfung im Juli nicht stand gehalten – jener bezichtigte in den Songs Migrant*innen, „das deutsche Volk auslöschen“ zu wollen. Dies geschah aber ebenfalls erst nach einem Aufschrei in sozialen Medien, wo Spotify aufgefordert wurde, die Musik des selbsternannten ‚NS-Rappers’ zu entfernen, weil zahlreiche Nutzer*innen ansonsten ihr Abo kündigen wollten. Auch Amazon hat reagiert, nicht so Apple Music und Google Play Music. Was dennoch speziell Spotify angelastet wird, ist eine „augenscheinliche Doppelmoral“ – auf Social Media wird Solidarität mit der Black Lives Matter-Bewegung bekundet, doch extrem Rechten gäbe man eine Plattform.

Resümee

Wie kaum ein anderes Online-Medium bergen Podcasts die Gefahr, Cyber Bullying oder Hate Speech auf den ersten Blick verschleiern zu können. Viele unangebrachte Aussagen oder Inhalte erschließen sich erst im Kontext, und bei der Fülle an neuem Material, das täglich weltweit veröffentlicht wird, kann unmöglich jede Folge jedes einzelnen Podcasts auf Zulässigkeit kontrolliert werden. Aus diesem Grund erregen Fehltritte von Podcaster*innen oft erst nach öffentlicher Diskussion Aufsehen und werden in letzter Konsequenz entfernt – gemäß des Sprichwortes „Wo kein Kläger, da kein Richter“. Doch nur weil etwas weitgehend unkritisiert bleibt, heißt das noch lange nicht, dass es auch in Ordnung ist. Jede Person, die ihre Meinungen, Witze oder Ähnliches einer breiten Öffentlichkeit präsentiert, sollte sich stets über möglicherweise weitreichende Folgen des Gesagten im Klaren sein. 

Julia Lorber