Der Podcast-Markt im Fokus

2. August 2020 |

The Michelle Obama Podcast: Zwischen Pathos und Inspiration

Das Podcast-Debüt der ehemaligen First Lady ist eine Ode an zwischenmenschliche Beziehungen, ehrliche Kommunikation und das Narrativ des ‚American Dream’ in einem politischen Spannungsfeld.

Auch wenn bei der Inszenierung nichts dem Zufall überlassen ist, nimmt man den Obamas ihre ehrlichen Absichten  und privaten Einblicke ab.
Bildcredit: © instagram/michelleobama

Spätestens während seiner zweiten Amtszeit als US-Präsident hat Michelle Obama ihren Gatten in puncto Beliebtheit längst überholt. Seither hat sich nicht nur die amerikanische Regierungsspitze geändert, sondern auch der Aufgabenbereich der Obamas: die eigens gegründete Produktionsfirma Higher Ground produziert (oscargekrönte) Dokumentarfilme und der millionenfach verkauften Autobiografie ‚Becoming’ folgte eine ebenso gefeierte Lesetour, deren Aufzeichnung nebenbei zum Netflix-Hit wurde.  Michelle Obama hätten viele gerne erneut im Weißen Haus gesehen, doch für ein politisches Amt fehle ihr laut eigener Aussage die Leidenschaft. Politik soll auch in ihrem neuesten Coup, dem in Kooperation mit Spotify entstandenen ‚The Michelle Obama Podcast’, eine – wenn überhaupt – sehr untergeordnete Rolle spielen. Wer zwischen den Zeilen zu lesen vermag, dem dürften allerdings die Seitenhiebe gegen Präsident Trump kaum entgehen. Während die USA momentan in einer schlimmen Krise stecken, hat Michelle Obama nichts von ihrer Popularität eingebüßt – ganz im Gegenteil. Grund genug, um einen genaueren Blick auf das Podcast-Debüt der 56-jährigen Powerfrau zu werfen.

Szenen einer harmonischen Ehe

In ihrem Podcast legt Michelle Obama den Fokus auf Beziehungen, die sie in ihrem bisherigen Leben besonders geprägt haben – seien dies nahestehende Familienmitglieder, Freund*innen oder berufliche Wegbegleiter*innen. „In these episodes, we’ll be discussing the relationships that make us who we are.“ Den Anfang macht Ehemann Barack Obama, mit dem sie auf dreißig Jahre Beziehung, zwei erwachsene Töchter und zwei Legislaturperioden amerikanischer Präsidentschaft zurückblicken kann. In persönlicher Atmosphäre beginnt die erste von neun Episoden mit einer liebevoll geführten Unterhaltung über Herkunft, gesellschaftlichen Wandel und die Bedeutung von Zusammenhalt zwischen den Mitgliedern einer Community. 

Kleine Neckereien lockern das Gespräch auf und zeugen von einer Partnerschaft mit unerschütterlicher Harmonie. Bei dem wertschätzenden Umgangston fällt es schwer zu glauben, dass selbst Michelle und Barack Obama bereits zur Eheberatung mussten. Dass dem so ist, wurde in der Autobiografie ‚Becoming’ publik gemacht, im Podcast wird die Paar-Beziehung nur am Rande behandelt. Eingangs wird die gemeinsam verbrachte Quarantäne angesprochen, mit Verweis auf den weltweiten Ausnahmezustand: „I’ve been loving it.“ – „Yeah, I’ve been having a great time. But we’ve had some interesting conversations… Cause these are some crazy times.“ 

Vom Amerika der 1960er Jahre zu einer fragmentierten Gegenwartsgesellschaft

Obama rollt das Feld sozusagen von hinten auf, indem sie als Ausgangspunkt von Folge eins mit ihrem Mann nicht die intimste aller Beziehungen bespricht, die im Privaten stattfindet. Stattdessen diskutiert sie die persönliche und gleichzeitig kollektive Beziehung jedes Menschen zu seinem Umfeld, der Community und weitestgehend zum ganzen Land. Diese Beziehung könne sehr erfüllend sein, wie etwa Michelle und Barack Obama in den 1960er und 70er Jahren unabhängig voneinander in Chicago erfuhren. Trotz teilweise spürbarer Segregation von Weißen und People of Colour – beide entstammen Arbeiter*innenfamilien – hätte es früher einen stärkeren Gemeinschaftssinn gegeben. In der Nachbarschaft hätte jede*r ein Auge auf jede*n gehabt, “everybody raised everybody’s kids (…) we felt loved and supported. And that’s obviously where a community starts.“ 

Zusammenhalt wurde groß geschrieben, es hätte weniger Einsamkeit gegeben als heute – diese Sichtweise mutet stark romantisiert an und spiegelt die individuellen Erfahrungen des Paares wider, denn auch vor vierzig, fünfzig Jahren gab es dysfunktionale Familien und prekäre Verhältnisse. Dennoch zeichnen die beiden ein behütetes Bild der Working-Class, das die Menschen als „brothers and sisters“ bezeichnet und das Wohl der Gemeinschaft über den Erfolg einzelner Personen stellt. An dieser Stelle wird betont, dass Michelle und Barack es immer schon als ihre Pflicht angesehen hätten, anderen zu helfen. 

Außerdem seien sie so erzogen worden, nie vorschnell zu urteilen und sich immer erst die ganze Geschichte anzuhören – handle sie vom betrunkenen Onkel oder dem arbeitslosen Cousin. „You didn’t know what happened to them. You know, we weren’t special. And as a result, you know if something good happens to you, if you have an advantage, you don’t hoard it. You share it. You reach out. You give back.“ Nur den eigenen Erfolg vor Augen zu haben, würde später in einem sehr einsamen, unglücklichen Leben resultieren, so der frühere Präsident. Diese Erkenntnis haben beide für sich gewonnen und nach Abschlüssen von Elite-Unis samt hochdotierter Jobs, ihren Anwaltskanzleien den Rücken gekehrt, um sich fortan gemeinnützigen Projekten zu widmen.

Versteckter Wahlkampf

Spätestens im Zuge dieser Ausführungen wird evident, dass das ehemalige First Couple der USA sich nicht stärker vom umstrittenen amtierenden Präsidenten unterscheiden könnte. Was die beiden als „selfish, isolated, meaningless work“ bezeichnen, kann durchaus als Affront gegen Donald Trump gewertet werden. Die Obamas bedauern das Verlangen der Gesellschaft danach, alles zu haben – und das soweit als möglich, alleine zu erreichen. Nun ist Trump bekanntlich niemand, dem das Gemeinwohl sonderlich am Herzen liegt – man denke hier z.B. an die Abschaffung der allgemeinen Krankenversicherung ‚Obamacare’. Zuletzt hat der amtierende Präsident aufgrund sinkender Beliebtheitswerte sogar öffentlich geäußert, dass ihn niemand möge. Eine Schlussfolgerung, die der Obama’schen Logik entsprechen würde. 

Mit der Abwendung von gemeinschaftlichen Beziehungen hin zu einem Fokus auf materielle Dinge, gehe ein aufkeimender Konkurrenzkampf einher. Menschen würden keine Zufriedenheit erlangen, ständig nach mehr streben und dabei gegeneinander arbeiten. „And that then reflects itself in our politics, right? Because at a certain point, you know, I am going to start thinking about politics in terms of how do I protect me. Not how do I look after us.“ Dieser Wettkampfgedanke und Egozentrismus führe zu einer Spaltung der Gesellschaft in ein „we“ und „them“, wobei stets „die Anderen“ unhinterfragt das Problem darstellen würden. 

Michelle und Barack Obama wollen Gesellschaft aber anders weiterdenken, nämlich mit einer Reintegration der Werte „von früher“, die um einen größeren Blickwinkel – frei von Rassismus, Sexismen und Homophobie – erweitert werden. Besonders die Proteste um den Tod George Floyds würden laut Barack Obama verdeutlichen, dass junge Menschen instinktiv auf Gemeinschaft setzen, um etwas zu verändern. Dieser Gedanke schließt den Kreis zu Michelle Obamas eingangs formulierter Vorstellung, wo diese erste Podcast-Episode hinführen solle: „What we’re really talking about is our place in this world. How we feel about it and what we can do with the power we have.“ 

Fazit

Der weibliche Polit-Superstar fürchtet sich vor einer eventuellen Politikverdrossenheit der jüngeren Generation. Neben Wahlaufrufen via Social Media zeigen versteckte Anspielungen auf Trumps mangelnde Qualifikationen als Regierungsoberhaupt, dass Michelle Obama sehr wohl politische Impulse aussenden möchte. Sie bezeichnet ihren Mann als hoffnungslosen Optimisten, wohingegen sie selbst der Meinung sei, die Dinge müssten immer erst besonders schlimm werden, bevor sie sich bessern würden. Nach eigener Aussage hofft sie darauf, dass dieser Punkt bereits erreicht ist – nebenbei kann sie sich einen Seitenhieb nicht verkneifen und verweist auf Barack als „former president who reads and knows history“.

Zusammenfassend kann das Podcast-Debüt von Michelle Obama als gut gemacht bezeichnet werden. Die Dauer von 48 Minuten gestaltet sich kurzweilig, was nicht zuletzt den charismatischen, sanften Stimmen der Protagonist*innen geschuldet ist. Das Thema der ersten Episode verpackt politische Kritik in hoffnungsvolle Zukunftserwartungen, erweckt zeitweise den Eindruck von Idealismus und ist irgendwo zwischen inspirierender Ansichten und pathetischer Erinnerungen anzusiedeln. Schafft man es, die Kritikpunkte an den Obamas aus ihrer aktiven Amtszeit auszublenden, lässt man sich vermutlich gerne auf die philanthropischen Erzählungen ein. Die Frage nach der Glaubwürdigkeit muss jede*r für sich selbst beantworten – unterm Strich kommt „The Michelle Obama Podcast“ aber sehr sympathisch und authentisch rüber. Neue Folgen erscheinen wöchentlich auf Spotify.

Link: https://open.spotify.com/show/71mvGXupfKcmO6jlmOJQTP

Julia Lorber