Der Podcast-Markt im Fokus

3. November 2020 |

Mari Lang: „Vielen Männern ist ihr Privileg gar nicht bewusst“

Ab 5. November stellt sie bekannten Männern „Frauenfragen“. Im Interview erklärt ORF-Moderatorin Mari Lang das Konzept hinter ihrem Podcast.

ein Bild der Interviewpartnerin und Journalistin Mari Lang, Produzentin und Host des Podcasts "Frauenfragen"
Mari Lang, Journalistin und Produzentin des neuen Podcasts „Frauenfragen“. (Foto: Christoph Valenta)

„Frauenfragen“ thematisiert die unterschiedliche Behandlung von Frauen und Männern in Interviewsituationen. Welche eigenen Erfahrungen stecken hinter diesem Podcast?

Gleichberechtigung und Feminismus sind schon lange meine Herzensthemen. Die Uni etwa habe ich mit einer Diplomarbeit zum Thema „Arbeitsbedingungen und Motivationen von Kriegsberichterstatterinnen“ abgeschlossen. Als ich im Sportjournalismus gelandet bin, habe ich hautnah erlebt, dass Frauen und Männer in vielen Bereichen anders behandelt werden und nicht dieselben Chancen und Möglichkeiten bekommen – in der Medienbranche genauso wie im Profisport. Als ich dann Mutter wurde, ist mir noch stärker bewusst geworden, wie schwer es Frauen gemacht wird, Familie und Karriere zu vereinbaren. Denn Kinder sind in der öffentlichen Wahrnehmung immer noch hauptsächlich Frauensache. Deshalb werden auch in Interviews nur Frauen danach gefragt.

Wann haben Sie entschieden, dass dieses Thema einen Podcast wert ist?

Im Frühjahr, als wir uns erstmals im Corona-Lockdown befanden, war ich in Kurzarbeit. Und da hatte ich die Idee, meine feministische Energie, die u.a. entstanden ist, weil wir Frauen wieder vermehrt in die Care-Rolle gedrängt wurden, in etwas Kreativem auszuleben. Ich komme vom Radio, habe eine Sprechausbildung, kann schneiden und gestalten – da war es naheliegend, einen Podcast zu machen. Podcasts, in denen tolle Frauen vor den Vorhang geholt werden, gibt es ja schon einige. Außerdem denke ich, dass das Thema Gleichberechtigung Männer genauso betrifft wie Frauen, und dass es gemeinsam angegangen werden sollte. Deshalb habe ich für meine Gesprächsreihe bewusst Männer gewählt. Um sie mal mit den Fragen zu konfrontieren, die normalerweise Frauen gestellt werden, und um so deutlich zu machen, wie blöd manche dieser Frauenfragen sind.

Was ist denn die unpassendste oder blödeste Frage, die Frauen immer wieder gestellt bekommen?

Boah, es gibt so viele. Im Grunde sind alle Fragen, die Frauen auf ihr Äußeres reduzieren, sie klein machen und von ihrer Kompetenz ablenken, doof. „Was nimmst du auf die einsame Insel mit: Dein Handy oder deine Faltencreme?“ – berühmte Frauen werden genau sowas immer wieder gefragt. So einen Schmarren sollte niemand beantworten müssen! Oder unlängst habe ich auf den Zeitungsständern am Wochenende die Schlagzeile „Mama Ministerin“ (über Justizministerin Alma Zadić, Anm.) gelesen. Die Frau hat das Kind noch nicht einmal bekommen! Ich kann mich nicht erinnern, dass irgendwann einmal von einem „Papa Minister“ zu lesen war. Welches Bild wird da vermittelt? Dass eine Frau, wenn sie ein Kind bekommt, erstmal Mutter ist – und dann lange nix.

Die Vereinbarkeit von Arbeit und Familie wird demnach ein großes Thema im Podcast sein…?

Ja, genau darüber spreche ich mit den eingeladenen Männern, die Väter sind. Mir ist wichtig aufzuzeigen, dass Kinder Familiensache sind und die Vereinbarkeit gesamtgesellschaftlich angegangen werden muss. Aber „Frauenfragen“ soll jetzt auch keine rein bierernste Interviewreihe sein. Es wird gestritten, aber auch viel gelacht. Es ist von meiner Seite auch ganz viel Augenzwinkern dabei, Überspitzung und Ironie. Deshalb lege ich das Ganze auch als Spiel an, in dem es Joker gibt, und am Schluss einen Preis. Die Männer können bei dem Thema im Grunde also nur gewinnen. (lacht)

Im SPIEGEL wurde die Virologin Sandra Ciesek als „Quotenfrau“ und „die Neue“ an der Seite von Christian Drosten (im NDR Info-Podcast) bezeichnet. Das Interview haben zwei Redakteurinnen geführt. Warum fehlt es auch Frauen an Sensibilität?

Naja, das Geschlecht allein macht noch niemanden zur Feministin. Und wir leben nun mal in der Gesellschaft, in der wir leben. Männer wie Frauen haben dieselben gelernten Bilder von Geschlechterhierarchien im Kopf. Bewusst und oft unbewusst. Ich merke das auch an mir selbst. Als ich mit den ersten Interviews begonnen habe, ist es mir richtig schwer gefallen, so klassische Frauenfragen für Männer zu formulieren. Erst, als ich mir eine Frau vorgestellt habe, ging es leichter. Verrückt, oder? Daran sieht man, wie einprogrammiert Geschlechterstereotype sind, und wie vielschichtig das Thema ist.

Zu den Podcast-Gästen der ersten Staffel von „Frauenfragen“ zählen u.a. Armin Assinger, Dirk Stermann, Herbert Prohaska und Matthias Strolz.

Laut Podcast-Trailer dürfen wir uns auf Gespräche mit u.a. Matthias Strolz, Dirk Stermann, Armin Assinger und Herbert Prohaska freuen. Die dürften zumindest teilweise recht sensibel für das Podcast-Thema sein. Gab es Aha-Erlebnisse?

Meine Gäste sind keine Männer, die bisher durch besonderen Sexismus aufgefallen sind. Trotzdem hat es in fast jedem der bislang zehn Gespräche, die ich geführt habe, den Moment gegeben, wo jemand festgestellt hat: „Aha, so hab ich das noch nie gesehen – darüber hab ich noch nie nachgedacht“. Vielen Männern ist ihr Privileg, das sie allein durch ihr Geschlecht haben, ja gar nicht bewusst. Wenn Armin Assinger, der sehr viele Fans hat, im Podcast feststellt, dass es da Themen gibt, über die es sich lohnt, mal nachzudenken, findet er vielleicht Nachahmer. Das ist so mein Wunsch. Dass meine Gäste und ich anders aus dem Gespräch rausgehen, als wir reingegangen sind. Dass wir beide in Sachen Gleichberechtigung dazu lernen.

Gibt es Wunschgäste, die Sie irgendwann im Podcast haben möchten? Solche, die in puncto Feminismus eine neue Perspektive bitter nötig hätten?

Felix Baumgartner oder Andreas Gabalier zum Beispiel: Ein Gespräch mit diesen beiden würde wohl ordentlich Kontroverse bieten, vielleicht aber auch Erkenntnisgewinne. Mich interessiert ja auch immer: Warum denkt jemand, wie er denkt? Woher kommt das, und wie kann man festgefahrene Bilder und Meinungen aufweichen? Diverse Vertreter der Deutschrap-Szene, in der es vor Sexismus und Frauenhass nur so wimmelt, wären sicher ebenfalls spannende Gesprächspartner. Genauso gibt es einige Influencer, die sich mit Macho-Posen, fetten Autos und halbnackten Models inszenieren – denen würde ein kurzer Perspektivenwechsel sicher nicht schaden. Ich werde jedenfalls dranbleiben und versuchen, auch diese Männer vors Mikro zu kriegen, um eben ein möglichst breites Spektrum abzudecken.

Sie haben selbst zwei Töchter. Wie bereiten Sie die beiden auf unsere Männerwelt mit all den depperten Fragen vor?

In dem ich sie in ihrem Selbstwert bestärke. Ich denke, wenn jemand ein gutes Selbstwertgefühl hat, ist er in weiterer Folge auch viel leichter gegen depperte Fragen und Angriffe gerüstet. Meine Töchter, die noch recht jung sind, haben von mir von Geburt an gehört, dass sie alles machen, sein, werden können – genauso wie Buben. Dass es zwar Unterschiede gibt, sie sich aber niemals auf ihr Geschlecht reduzieren lassen dürfen.

Ich versuche sie außerdem darauf aufmerksam zu machen, wie Werbung funktioniert, dass die Geschlechter da ganz stark in Schubladen gesteckt werden. Es ist ok, dass meine Mädchen rosa und Glitzer lieben und schön sein wollen, aber eben nicht nur. Ich lese ihnen auch bewusst Geschichten von erfolgreichen, tollen Frauen vor. Denn Mädchen brauchen viel mehr und vielfältigere Vorbilder. Mein Mann und ich ziehen da an einem Strang und versuchen auch im Alltag zu zeigen, dass der Papa genauso fürs Bügeln zuständig ist, wie die Mama fürs Glühbirnen wechseln – dass Gleichberechtigung eben nur gemeinsam funktionieren kann.

Mari Lang wurde 1980 in Eisenstadt geboren. Die Journalistin war ab 2001 auf FM4 zu hören und ab 2011 in ORF 1 zu sehen. Der erste Corona-Lockdown im Frühjahr 2020 brachte den Blog „Geschichten aus der Krise“ hervor. Rechtzeitig zum zweiten (Teil-) Lockdown geht „Frauenfragen – Der Podcast mit Mari Lang“ ab 5. November 2020 an den Start.

Bernhard Madlener