Der Podcast-Markt im Fokus

21. Oktober 2020 |

„Wege zur psychischen Gesundheit“: 3 Fragen an Selina Karl

Betroffene, Angehörige und Fachleute: Sie alle kommen im Podcast des Psychosozialen Dienstes (PSD) Niederösterreich zu Wort. Das Konzept stammt von Sozialarbeiterin Selina Karl, die den Podcast über psychische Erkrankungen als Teil ihrer Arbeit produziert.

Selina Karl will Betroffene dazu ermutigen, Hilfe in Anspruch zu nehmen: Je früher man ansetzt, desto leichte ist die Behandlung einer psychischen Erkrankung.

Vom Projekt-Pitch zum gefragten Lehrmaterial

„Es gibt einige Psychiatrie-Podcasts, die von Fachleuten gemacht werden und die Fachleute ansprechen“, stellt Selina Karl fest. Aus diesem Grund werde darin auch mit sehr viel Fachvokabular und medizinischen Informationen um sich geschmissen, „die ‚Normalsterbliche‘ nicht verstehen“. Das war ein Grund für sie, auch selbst in einem Podcast über psychische Erkrankungen zu sprechen. „Außerdem war es mein Anliegen, Betroffene selbst zu Wort kommen zu lassen. Natürlich ohne sie zur Schau zu stellen“, weshalb einige Interviewpartner*innen auch nicht namentlich erwähnt werden. Außerdem lasse sie neben den Betroffenen selbst auch Angehörige von psychisch kranken Menschen zu Wort kommen. Und natürlich Fachleuten, die die medizinische Komponente auf Alltagssprache herunterbrechen. „Das habe ich noch bei keinem anderen Psychiatrie-Podcast gefunden.“

Hilfe in Anspruch nehmen

„Wege zur psychischen Gesundheit“ ist ein Projekt, das Selina Karl im Rahmen ihrer Arbeit als Sozialarbeiterin starten konnte. Und auch während ihrer Arbeitszeit für den Psychosozialen Dienst (PSD) Niederösterreich produziert. Kernanliegen des Projekts sei natürlich, „dass sich Menschen eher trauen, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Ob sie dies aber bei uns tun oder bei einer anderen Beratungsstelle, in einem Krankenhaus oder bei einem niedergelassenen Psychotherapeuten“, sei aber zweitrangig.

Wann und wie ist die Idee zum Podcast entstanden, und wie wurde über den Titel entschieden?

Es gab von Seiten meines Arbeitgebers, dem PSD Niederösterreich, ein Innovationsprojekt. In diesem Rahmen habe ich die Podcast-Idee gepitched und durfte sie dann auch umsetzen. Der Name ist gemeinsam mit Teamkolleg*innen entstanden und soll ausdrücken, dass es nicht nur einen Weg gibt, um auf seine psychische Gesundheit zu achten oder diese zu verbessern.

Was ist die größte Überraschung (positiv oder negativ) bzw. die interessanteste Begebenheit, die es in Zusammenhang mit dem Podcast in den letzten Monaten gab?

Sehr gefreut hat mich, dass einige Ausbildungsinstitutionen den Podcast in der Lehre verwenden, z.B. für angehende Ergotherapeut*innen oder psychiatrische Krankenpfleger*innen, da diese ja während der Corona-Zeit keine Möglichkeit für Praktika hatten, und so auch kaum mit Betroffenen in Kontakt gekommen sind. Fallgeschichten oder Berichte von Betroffenen, Angehörigen und Fachleuten konnten sie so wenigstens von zu Hause hören. Und so Einblicke in die Lebensrealität von psychisch erkrankten Menschen bekommen.

Wird mit dem Podcast auch (schon) Geld verdient bzw. ist das geplant? Wenn ja: wie?

Nein, und das ist auch nicht geplant. Mein Ziel ist, so viele Menschen wie möglich zu erreichen und einfach verständlich Inhalte zu vermitteln. Und in weiterer Folge vielleicht Stigmatisierungen und Falschinformationen rund um psychische Erkrankungen abzubauen, um damit vielleicht sogar dafür zu sorgen, dass Menschen sich früher Hilfe suchen. Denn laut Studien braucht es bei manchen Patient*innen zehn Jahre, bis sie endlich zu einem Arzt oder einer Beratungsstelle gehen, weil sie soviel Angst davor haben, was andere Leute sagen würden. Wie bei allen anderen Erkrankungen ist eine Behandlung (medikamentös, psychotherapeutisch, …) jedoch leichter, je früher man ansetzt.

Bernhard Madlener